Wenn Schule zuhört
“Freundlich, offen und schülerorientiert,” so beschreibt Herr Sondern unser Aue-Geest-Gymnasium, ohne auch nur an ein Werbeplakat zu denken. Dahinter steckt ein Alltag, in dem Türen buchstäblich offen bleiben und Probleme lieber ausgesprochen als ausgesessen werden. Stolz ist hier nicht die Anzahl der Preise, sondern vielmehr der Umgang miteinander: ein Schulklima, in dem Schüler wie Lehrkräfte das Gefühl haben, dass jemand zuhört, wenn etwas schief läuft. Wer bei uns durch die Flure geht, soll nicht nur Unterrichtsstoff mitnehmen, sondern das Gefühl, ernst genommen zu werden.
Damit dieses besondere Klima funktioniert, gibt es eine simple, aber anspruchsvolle Erwartung: Respekt. Schüler sollen so miteinander umgehen, dass alle gerne zur Schule kommen, Differenzen beiseite gelegt. Herr Sondern wünscht sich, dass Konflikte und Probleme ihren Platz finden, jedoch bittet er, diese nicht als unsichtbare Last beizubehalten, sondern als etwas, womit man zu realen Ansprechpersonen gehen kann. Wer ungern zur Schule kommt, sei kein Störfaktor, sondern ein Signal, dass Unterstützung gebraucht wird.
Manchmal kippt eine Haltung an einem einzigen Abend. Bei Herrn Sondern war es der erste Winterball: Ursprünglich herrschte Skepsis. Können Schüler ein solch großes Event wirklich selbst organisieren und durchziehen? Die Antwort war ein sehr klares “Ja”. Die Planung der Schüler hat ihn “sehr, sehr, sehr, sehr” positiv überrascht, und überzeugt, seine Meinung zu ändern. Aus einer vorsichtigen Erwartung wurde Anerkennung: Junge Leute, die man oft unterschätzt, bauten ein Event, das lief wie am Schnürchen.
Ein Schulleiterbüro kann Vieles sein, hier ist er ein Drehkreuz. Aus diesem Grund bleibt die Tür bewusst offen, mit allen Konsequenzen für die eigene Konzentration unseres Schulleiters. Er möchte ansprechbar sein, auch wenn es daher kaum eine Aufgabe gibt, die sich von Anfang bis Ende ohne Unterbrechungen erledigen lässt, da oft neue Probleme, Anliegen oder Fragen dazukommen.
Auch unsere Schule hat eine der Regeln, die “schon immer so waren”: kein Kaugummi. Jedoch ist diese berechtigt und wird auch so bleiben. Nach einiger Zeit mussten 11.-Klässler unter den Tischen wegkratzen, was einige von ihnen hinterlassen hatten. Hierbei geht es nicht um das Verbot selbst, sondern um Respekt vor den Räumen, die alle gemeinsam nutzen, sowie vor denen, die all dies beseitigen müssen.
Die vielleicht größte Aufgabe moderner Schule beschreibt Herr Sondern in einem Satz: den Unterricht so anzupassen, dass wirklich alle mitkommen. Die schulisch stärkeren Schüler schaffen es fast immer, wobei es keine Rolle spielt, ob es Frontalunterricht, Gruppen- oder auch Freiarbeit ist. Die Herausforderung jedoch, beginnt dort, wo jemand droht, nicht mitkommen zu können. Parallel dazu steht die Digitalisierung als zweite Großbaustelle: Digitale Elemente dienen nicht dem Prinzip und sollen den Unterricht sinnvoll ergänzen. Es geht nicht um ein radikales Neudesign des Systems, sondern um eine Mischung aus Bewährtem und Neuem.
Aber ist unser Schulsystem so noch zeitgemäß? Herr Sondern hält das Gymnasium als Schulform weiterhin für gut, aber keineswegs fertig. Schule sei immer im Wandel: neue Ideen werden in Gremien diskutiert, Unterrichtsformen überdacht und weiterentwickelt. Anstelle von “alles neu” wird bei uns eine Mischung bevorzugt: Moderne Ansätze, ja, jedoch nicht um den Preis von Stabilität und Orientierung. Die Schulentwicklung ist dabei kein einmaliges Projekt, sondern ein Dauerzustand, der in den nächsten Jahren noch sichtbarer werden soll.
So wünscht er sich in zehn Jahren eine Schule zu sehen, in der die Digitalisierung “gut eingeschlagen” ist, sodass alle damit gut leben und arbeiten können. Ziel ist ein Unterricht, der so gestaltet ist, dass wirklich alle Schüler mitgenommen werden, fachlich wie menschlich. Gleichzeitig soll bleiben, was das AGG schon heute ausmacht: ein respektvoller, zugewandter Umgang miteinander. Fortschritt ja, jedoch ohne den Kern zu verlieren.
Auf eine Frage, die viele bewegt, kommt eine überraschend klare Antwort: KI findet Herr Sondern “super”, wenn man weiß, wie damit umzugehen ist. Er nutzt sie selbst, etwa um Ideen auszuformulieren, Texte zu überarbeiten oder Entwürfe zu verfeinern. Auch seinen eigenen Kindern empfiehlt er KI als Unterstützung, allerdings mit einem entscheidenden Zusatz: Man muss hinterfragen, ob das, was KI einem liefert, richtig ist. KI soll Denkprozesse anstoßen, nicht ersetzen und ein Werkzeug sein, kein Ersatz für den Kopf.
Seit Kurzem darf sich das AGG “Digitale Schule” nennen, ein Siegel, das vor allem Kolleginnen wie Frau Feindt erarbeitet haben. Mit diesem Titel kommen regelmäßig Angebote bezüglich dieses Themas herein, inklusive Workshops und MINT-Formaten, die an interessierte Schüler weitergegeben werden. Beim Prädikat “MINT-Schule” ist die Sache komplizierter: Der Antrag ist aufwendiger und lässt sich nicht ohne Blick auf Ressourcen fordern. Gleichzeitig gibt es bereits Schwerpunkte wie Umweltschule und den Wunsch nach einer “bewegten” oder sportfreundlichen Schule, sodass genau abgewogen werden muss, worauf der Fokus zunächst liegen soll.
Was Herr Sondern auch von sich aus weiß ist, dass er von den Schülern, die mit sich kämpfen müssen, viel weniger mitbekommt, als von denen, die gerne zur Schule kommen. Genau diese versteckten “Kämpfe” sollen nicht im Stillen bleiben, sondern Platz bekommen: in Gesprächen mit Beratungslehrkräften, Klassenleitungen oder der Schulleitung. Sein Wunsch ist klar: dass alle Schüler das Vertrauen haben, sich zu öffnen und Hilfe zu holen, wenn etwas nicht stimmt. Erst dann funktioniert das, was hier als zentraler Wert immer wieder auftaucht: ein guter Umgang miteinander, nicht nur im Leitbild, sondern auf den Fluren, in Klassenräumen und in all den Momenten dazwischen.